Naoji Kimura: Spiegelbild der Kulturen Philologische Wanderjahre eines japanischen Germanisten

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Spiegelbild der Kulturen lädt den Leser zum heute viel beschworenen Perspektivwechsel oder zur verlorengegangenen Fähigkeit der Empathie mit Menschen aus anderen Kulturen ein. Im Jahre 2017 veröffentlichte der  bekannte japanische Germanist Professor Dr. Naoji Kimura  im renommierten Schweizer Verlag Peter Lang das Buch Spiegelbild der Kulturen. Philologische Wanderjahre eines japanischen Germanisten (Naoji Kimura, Deutsch- Ostasiatische Studien zur Interkulturellen Literaturwissenschaft, Band 9, 2017, Peter Lang Verlag). Das Buch gibt einen interessanten Einblick in das Leben Kimuras, und seinen geistigen Werdegang. In der heutigen Debatte um Integration, Fremdheit und Globalisierung, um Sprache und ziviles Zusammenleben, gewinnt dieses Buch, aus der Sicht der Erfahrungen eines japanischen Germanisten geschrieben, eine unerwartete Brisanz. Spiegelbild der Kulturen ist als eine Mahnung an die Gegenwart anzusehen, selbst wenn Naoji Kimura dies in seiner ihm eigenen Bescheidenheit sicher so nicht nennen würde. Um den Geist seiner Sprache etwas einzufangen, werden wichtige Feststellungen Kimuras aus seinen Texten – in seiner Rechtschreibung ohne die Auswüchse der Reform – zitiert. Im Vorwort des umfangreichen Buchs schreibt Kimura, dass er wieder einmal versuche,  einen Sammelband seiner Aufsätze in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Es handelt sich überwiegend um seine kultur- und  literaturwissenschaftlichen Aufsätze der letzten zehn Jahren, die zum großen Teil im Laufe von Kimuras Lehrtätigkeit in Regensburg entstanden sind. Nach seiner Emeritierung im März 2000 (Sophia- Universität, Tokyo) unterrichtete er von April 2001-2006 japanische Sprache und Literatur an der Universität Regensburg. Während dieser Zeit lehrte er auch an der Goethe-Universität in Frankfurt  und hielt Vorlesungen über japanische Geschichte und über Literarische Übersetzungen aus dem Japanischen seit der Meiji-Zeit. Es handele es sich bei dem vorliegenden Buch um eine Rückbesinnung auf sein Leben und auf seine geistige Entwicklung, schreibt Kimura im Vorwort. Auf die Gespräche des Konfuzius mit seinen Jüngern im Lun Yü Bezug nehmend, der das Besondere des 70. Lebensjahres betonte, hebt Kimura als nun schon über 80jähriger hervor: Dem Denkmuster des neueren Weltweisen im Westen nachfolgend verdanke ich zunächst meine akademische Ausbildung einerseits der japanischen Seele (anima),  andererseits dem deutschen Geist (pneuma), die beide neben – und ineinander in mir existieren. Es sind keine faustischen zwei Seelen in meinem Busen, sondern ich habe schmerzlich eine geteilte Seele auch zwischen Japan und Deutschland. Das Buch ist dem Andenken des 1993 verstorbenen Münchener Theologen Michael Schmaus gewidmet, der Kimura während seiner Studentenzeit in München vor mehr als 50 Jahren betreut hatte. Kimura war damals, dank eines DAAD Stipendiums (1959-1961) zum Studium nach München gekommen. In jener „schönsten Zeit seines Lebens“, wie es in einer DAAD Notiz heißt, ermöglichte ihm das  Stipendium die Bekanntschaft „mit dem Geist der deutschen Philologie“. Kimura wurde 1934 in Sapporo, der Hauptstadt des japanischen Nordinsel Hokkaido, geboren. Als er 1955 anfing, an der von deutschen Jesuiten gegründeten Sophia- Universität in Tokyo zu studieren, war sein Hauptfach Philosophie.  Als Fremdsprache erlernte er damals Deutsch und entschied sich dann nach zweijährigem Deutschstudium für das Fachstudium Germanistik. Der „deutsche Dichter, Denker und Naturwissenschaftler Johann Wolfgang Goethe“ war und ist der Forschungsschwerpunkt von Kimura. In den  letzten Jahren hat er sich mit Alexander von Humboldt (dessen 250. Geburtstag dieses Jahr weltweit gefeiert wird) beschäftigt und seine wichtigsten Werke ins Japanische übersetzt. Mein geliebtes Deutsch – Die Sprache Goethes Naoji Kimura hat in seinem über 500 Seiten umfassenden Buch eine große Anzahl Neugier weckender Essays versammelt. Ziel dieser Reihe Deutsch-Ostasiatische Studien zur interkulturellen Literaturwissenschaft (Band 9), die gemeinsam von Walter Gebhardt und ihm herausgegeben wird,  ist eine fruchtbare Kooperation zwischen kulturregionalen Humanwissenschaften in Ost und West zu fördern.  Wie er selbst schreibt, wird für den nicht deutschen Germanisten Philologie umfassender als Kulturwissenschaft im Sinne von cultural studies verstanden. Dies zeigt sich an der Themenvielfalt seiner Essays zur deutschen wie japanischen Kultur, die  Kimura in diesem Band vereinigt hat. So hat Kimura seine Vorträge und Veröffentlichungen unter Themen wie Zum ambivalenten Begriffspaar National- und Weltliteratur (Fragwürdigkeit des Begriffs „Nationalliteratur“ bei Goethe), Goethes Faustdichtung im Zeitalter der Globalisierung,  Die Entstehung eines nationalen Geschichtsmythos in der Meiji-Zeit, Japans verspäteter Weg in die Moderne oder Deutsche Wissenschaft im Modernisierungsprozess Japans zusammengefügt. Besonderes Augenmerk hat Kimura auf die unterschiedlichen Kunst-, Ethik-und Naturauffassungen im Wechselspiel der westlichen und östlichen Kultur gelegt. Dies zeigt sich an Aufsätzen über Die Entdeckung des Torsos: Komplementarität in der Kunst, Wahnsinn-Darstellung bei Goethe und im Nô-Theater, Ethische Grundlagen der japanischen Kultur oder Natur-und Geisteswissenschaften im Dialog. Kimura ist im Laufe seines Lebens  mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Bereits 1977 mit dem Goethepreis der Goethegesellschaft in Japan; 1982 mit dem Philipp- Franz- von- Siebold- Preis der Bundesrepublik Deutschland (Forschungspreis der Alexander von Humboldt- Stiftung); 1992 mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der  Bundesrepublik Deutschland, 1996 mit der Goethemedaille des Goethe- Instituts, München; am 1. Juni 2003 mit dem Jacob- und Wilhelm Grimm Preis des DAAD und am 12.Juni 2003 mit der Goldenen Goethe-Medaille der Goethe-Gesellschaft in Weimar. Über wichtige Mentoren während seiner Münchener Studienzeit  (1959-1961) schreibt Kimura im Vorwort zu seinem Buch, besonders viel Anregung habe er vonseiten des berühmten Theologen des Ökumenismus, Michael Schmaus (1897-1993) erhalten, der mich persönlich am meisten gefördert hat. So war ich denn auch in aufgeschlossenen katholischen Kreisen in Deutschland gut aufgehoben. Da ich schon vor meinem Germanistikstudium an der von den deutschen Jesuiten gegründeten Sophia- Universität, Tokyo, durch die Lektüre japanischer Übersetzungen Goetheaner geworden war, war ich keiner Gefahr ausgesetzt, in konfessionelle Engpässe des Christentums zu geraten, obwohl es mir heute noch schwerfällt, deutschsprachige Kultur mit ihrer konfessionellen Problematik als Einheit zu begreifen.  Aus Anhänglichkeit am europäischen Mittelalter und an der christlichen Klassik studierte er damals in  München katholische Theologie als Nebenfach bei Professor Schmaus. Als Germanist bin ich dann durch eine glückliche Fügung Herrn Prof. Dr. Wolfgang Frühwald (1935-2019) wie kaum ein anderer zu großem Dank verspflichtet.  Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir zu erwähnen, daß er sich damals als Oberassistent meines Doktorvaters Hermann Kunisch um mich gekümmert hat. Zu jener Zeit, schrieb Kimura, sei er DAAD Stipendiat gewesen, der noch wie die Generation seit Fukuzawa Yukichi  (Erzieher und Autor 1835-1901) in der Meiji-Zeit eine erlebnisreiche, beeindruckende Seereise über ganz Südostasien nach Europe durch den Suez Kanal hin- und zurück machen durfte. Als mir im Goethejahr 1982 das Glück zuteilwurde, von der Alexander von Humboldt- Stiftung einen Philipp- Franz- von- Siebold- Preis zu erhalten, hat er (Frühwald) mich nunmehr als Ordinarius der Germanistik in München freundlich betreut. Ich ahnte selbstverständlich nicht, daß ich später in meinem wissenschaftlichen Betreuer einen Präsidenten der Humboldt- Stiftung finden würde. Im Laufe der Jahre habe er von ihm nicht nur aus zahlreichen Sonderdrucken sondern auch durch persönliche Gespräche sehr viel gelernt und es sogar manchmal ohne Quellenangabe zitiert, was ihm als Philologe ein etwas schlechtes Gewissen bereite. So habe er einmal mit seinem Mentor Frühwald über die Flugblätter der Weißen Rose diskutiert, in denen neben der Bibel (Der Prediger Salomo) Augustinus, Goethe, Schiller, Novalis, Aristoteles und Laotse zitiert waren. Ich wunderte mich, daß ausgerechnet Laotse statt Konfuzius genannt wurde. Da wies mich mein Mentor darauf hin, dass  Theodor Haecker in seinem seinerzeit bekannten  Buch „Was ist der Mensch?“(1933) einmal bemerkt hatte: „Ich kann mir gut vorstellen, dass einer ein kleines Buch schriebe: Laotse, Vater des Morgenlandes.“ Das war bewußt im Hinblick auf sein antifaustisches Buch „ Vergil, Vater des Abendlandes (1931)“ gesagt… In seinen „Tag-  und Nachtbüchern 1939-1945“, deren Manuskript bei der Hausdurchsuchung beinahe entdeckt worden wäre, notierte er (in Anspielung auf den Widerstand der Geschwister Scholl während der Nazizeit) in der Tat am 9. Juni 1944: „Manche ‚gute‘ Menschen, Helfer, Tröster,  durch ihr Sein und ihr Tun! Scholl!“ Zugleich heißt es bei Kimura: Wie die nichtchristlichen Japaner sich eifrig für Europa vor und nach der  Reformation interessieren, müßten die europäischen Christen sich noch mehr mit den großen Kulturtraditionen in Indien, China und Korea beschäftigen, um ohne Mystifizierung des japanischen Zen in einer wirklich „universalen Kirche“ (ecclesia catholica) geistig angesiedelt zu sein.(…) Im Zeitalter der Globalisierung spielt der Westen allein, oder der Osten allein keine Rolle mehr. Wie jener aus Europa und Amerika im weitesten Sinne besteht, muß dieser freilich in Nah-, Mittel- und Fernost differenziert werden, um dann erneut mit der kulturellen Seidenstraße verbunden zu werden. Dafür ist ein reger Kulturaustausch, vor allem geistiger Austausch auf dem Weg der sprachlichen Verständigung notwendig. Damit sind  aber nicht nur mündliche Kommunikation in einigen Weltsprachen, sondern auch Schriftverkehr im kulturwissenschaftlichen Sinne einschließlich der Übersetzung gemeint. Kimura hebt besonders hervor: Ostasiatische Germanisten  haben glücklicherweise Deutsch als gemeinsames Verständigungsmittel entdeckt. Im Jahre 2000 ist es meinem chinesischen Freund Prof. Dr. Zhang Yushu, Peking, gelungen, mit seinem Chinesisch-deutschen Jahrbuch für Sprache, Literatur und Kultur eine sogenannte „Literaturstraße“ anzubahnen, und im Juli 1992 hat mein  älterer koreanischer Freund Prof. Dr. Byong-Ock Kim (1930-2015) ein Institut für Übersetzungsforschung zur deutschen und koreanischen Literatur in Seoul gegründet. Goethes Sprache als Werkzeug der Vernunft In dem Aufsatz Mein geliebtes Deutsch schreibt er, wenn man sich wie er fünfzig Jahre mit der Goethezeit beschäftigt hat,  weiß man einigermaßen, worin die Eigentümlichkeit der Goetheschen Sprache besteht: Schlichtheit des Ausdrucks bei größter Sinntiefe…. Der alte Goethe …schreibt… zwei Monate vor seinem Tode: „Die deutsche Sprache ist zu einem so hohen Grad der Ausbildung gelangt, daß einem jeden in die Hand gegeben ist, sowohl in Prosa als auch in Rhythmen und Reimen sich dem Gegenstande wie der Empfindung gemäß nach seinem Vermögen glücklich auszudrücken.“ Für Goethe sei Sprache im Grunde genommen ein natürliches Werkzeug, das aus der Verstandes – und Vernunfttätigkeit des Menschen entstanden ist, und das man zweckmäßig und willkürlich gebrauchen kann, so daß „man sie ebensogut zu einer spitzfindig-verwirrenden Dialektik wie zu einer verworren- verdüsternden Mystik verwenden kann.“ (Maximen und Reflexionen) Kimura verbindet seine Anmerkungen mit einer generellen Kritik am Niedergang der Geisteswissenschaften, was gerade in der heutigen Zeit von außerordentlicher Bedeutung ist. So schreibt er an einer Stelle: Es ist gleichwohl z. Zt.  etwas besorgniserregend, zuzusehen, wie die Geisteswissenschaften, besonders Philologie, Religions- und Ostasienwissenschaften,  an den deutschen Universitäten zugunsten der Naturwissenschaften geringgeschätzt und vernachlässigt werden….Als Deutschland das Land war, wo Kunst und Literatur, Philosophie und klassische Philologie blühten, haben alle Intellektuellen von Europa, Amerika und Rußland in Deutschland studieren wollen. Er fordert daher:  Wir brauchen jetzt auf dem Weg zum 21. Jahrhundert die Wiederbelebung der Geisteswissenschaften, um nicht geistig und kulturell zu verkommen. Denn Geisteswissenschaften bedeuten nichts anderes als Wissenschaften vom Mensch, also Humanwissenschaften. Wer die Geisteswissenschaften vernachlässigt, schätzt den Menschen gering und macht die zur Überwindung ihrer Krise hervorgerufenen Kulturwissenschaften selbst gegenstandslos. Überhaupt müsste man einmal ernsthaft danach fragen, ob es sich bei der Hinwendung zu den sogenannten. Kulturwissenschaften nicht um eine Modeerscheinung in der deutschen Germanistik handele, die, wie in den letzten Jahrzehnten, hervorgebracht wird, um nach gewisser Zeit wieder durch eine andere ersetzt  zu werden, während die Philologie über eine jahrhundertealte Tradition im Abendland verfüge. Vielleicht müsste Schiller mit seiner Idee der ästhetischen Erziehung des Menschen für eine bessere Zukunft der Menschheit wieder Goethe zur Seite stehen. Alexander von Humboldt  als früher Exponent der Sinologie Ausführlich hat sich Kimura im Laufe seiner Forschungen mit Alexander von Humboldt beschäftigt, dessen 250ten Geburtstag in diesem Jahr mit vielen Symposien weltweit gefeiert wird.  Kimura nimmt in seinem Buch Bezug auf ein Humboldt- Kolleg, das von ihm 2005/2006  in Zusammenarbeit mit dem Institut für die Kultur der deutschsprachigen Länder an der Sophia- Universität, Tokyo organisiert worden war. Als Organisator des Kollegs und Goetheforscher, der lange mit Goethes Gedankenwelt vertraut ist, sei damals nichts natürlicher gewesen, als auf die deutsche Wissenschaftsgeschichte zurückzublicken und das Generalthema des  Humboldtkollegs  Die deutsche Tradition der Universalwissenschaften festzulegen. Es umfasste vier Hauptbereiche: 1. Forschung und Lehre in der Wissenschaft, 2. Universalismus in der Goethezeit, 3. Kosmopolitisches Denken in der Gesellschaftslehre, 4. Philosophierende Naturwissenschaftler. Es sei im Jahre 1814 gewesen, dass vor einer Institutionalisierung einer europäischen Auslandskunde in Paris der erste europäische Lehrstuhl für Sinologie eingerichtet wurde. Man müsse Alexander von  Humboldt als einen frühen Exponenten der Sinologie im kulturwissenschaftlichen Sinne gelten lassen, der  sich im Anfang des 19. Jahrhunderts mit chinesischer Geschichte und Geographie eingehend beschäftigt hat.  Kimura verweist darauf, Alexander von Humboldt habe als Bruder von Wilhelm von Humboldt frühzeitig an Wilhelms sprach- und kulturphilosophischen Studien tätigen Anteil genommen und unterstützte sie bei seinen ausgedehnten Weltreisen durch Materialbeschaffung. In Paris studierte er selber zur Vorbereitung zu einer Asienreise das Persische, Arabische und Chinesische. Er habe damals in einem Brief an seinen Bruder Wilhelm (13.September 1824) auf einen chinesisch-kundigen Professor Schulz aus Darmstadt aufmerksam gemacht, der in Deutschland für Chinesisch sein kann, was Bopp für Sanskrit ist…Du kannst ihn nach dem Chinesischen fragen. Natur- und Geisteswissenschaften im Dialog Das Buch Kimuras gibt einen Einblick in den Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. So nimmt er in Kapitel 6 an einer Stelle Bezug auf einen Vortrag Sinn und Grenzen der exakten Wissenschaft, den der  große deutsche Naturwissenschaftler Max Planck im November 1941 im Goethe-Saal des  Harnack-Hauses der Kaiser-Wilhelm- Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften zu Berlin hielt. Wie Kimura anmerkt, war Plancks Vortrag eher philosophisch als naturwissenschaftlich. Planck zitierte aus Goethes Gedicht Allerdings einen Vers wie selbstverständlich folgendermaßen: „Das metaphysisch Reale steht nicht räumlich hinter dem erfahrungsmäßig Gegebenen, sondern es steckt  ebenso gut  auch in ihm mittendrin. ‚Natur ist [hat] weder Kern noch Schale, alles ist sie mit einem Male.“(Goethe).  Das Wesentliche ist, daß die Welt der Sinnesempfindungen nicht die einzige Welt ist, die begrifflich existiert, sondern dass es noch eine andre Welt gibt, die uns allerdings nicht unmittelbar zugänglich ist, auf die wir aber nicht nur durch das praktische Leben, sondern auch durch die Arbeit der Wissenschaft immer wieder mit zwingender  Deutlichkeit hingewiesen werden.“ Der philosophierende Physiker des 20.Jahrhunderts, wie es bei Kimura heißt, erklärte damals: „Und wem es vergönnt ist, an dem Aufbau der exakten Wissenschaft mitzuarbeiten, der wird mit unserem achtzigjährigen Dichter, dessen Name diesen Saal schmückt, sein Genügen und sein innerliches Glück finden in dem Bewußtsein, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.“ Kimura kommentiert den Vortrag Plancks: Es gehört in der Tat zum auffallenden Wesenszug der neueren deutschen Wissenschaft, daß sich die Physiker seit dem Ende des 19.Jahrhunderts mit der Philosophie intensiv beschäftigten. Wie der Heidelberger Wissenschaftsphilosoph Erhard Scheibe in seinem neuen Buch „Die Philosophie der Physiker“ hervorhebt, reicht die Liste der philosophierenden Physiker von Hermann von Helmholtz und Ludwig Boltzmann über Max Planck, David Hilbert, Albert Einstein, Niels Bohr und Erwin Schrödinger bis zu Wolfgang Pauli, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker. Auch in Japan hat es seit dem ersten Nobelpreisträger Yukawa Hideki mehrere bedeutende Physiker wie Tomonaga Shinichiro oder Sakata Shoichi gegeben, die über ihre Forschungsergebnisse philosophisch nachdachten. Auf die Verbindung zwischen klassischer Philologie und der neuzeitlichen Physik hinweisend hebt Kimura hervor, dass es der bekannte Naturwissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker war, der für die naturwissenschaftlichen Schriften in der Hamburger Studienausgabe von Goethes Werken nicht nur ein fachwissenschaftliches Nachwort geschrieben, sondern auch in seinem Buch „Große Physiker. Von Aristoteles bis Werner Heisenberg“ Johann Wolfgang Goethe ein eigenes Kapitel gewidmet hat. Goethe ist denn auch in der allerersten Periode der Goetherezeption in Japan dem Lesepublikum als Naturforscher vorgestellt worden. Seitdem haben sich die japanischen Goetheforscher, Germanisten sowie Botaniker, Zoologen und Ärzte mit dem Naturforscher Goethe eingehend beschäftigt und im Laufe der Zeit seine wichtigsten Schriften zur Naturwissenschaft ins Japanische übersetzt. Jeden, den die Glaubwürdigkeitskrise der Gegenwartswissenschaft zutiefst schmerzt, ist dieser Sammelband von Naoji Kimura als wahre Schatztruhe des „Spiegelbilds der Kulturen“ empfohlen.]]>

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